Traum oder Wirklichkeit?
Der Druck auf Alex Rieder und seine Firma wächst, als in der Konzernzentrale eine neue Führungsriege unter Carlos Tedesco das Ruder übernimmt. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf das Unternehmen und seine Mitarbeiter. Konfusion beginnt sich auszubreiten und man widmet sich auf allen Etagen immer mehr der Politik und immer weniger den Produkten und den Kunden. Die vom Erfolg vergangener Jahre glänzende Fassade bröckelt und enthüllt persönliche Interessen und Schwächen, Machtkämpfe und Intrigen. Daniel Malenfant, der Marketingchef, wittert seine Chance und sägt fleißig an Alex Stuhl. Fred Winkler, der Produktionsleiter, verfolgt seine eigenen undurchsichtigen Pläne und Walter Wienert, der Entwicklungschef, ersäuft seine Sorgen im Alkohol.
Alex wähnt sich in einem Albtraum, als er mit dem veränderten Verhalten seiner Kollegen und Mitarbeiter konfrontiert wird. Doch nach einem Techtelmechtel mit seiner neuen Sekretärin gerät auch er in den Strudel des zunehmenden Chaos und schlittert von einem verrückten Abenteuer ins nächste. Damit besiegelt er das Ende seiner Karriere und der Albtraum wird zur Wirklichkeit. Verzweifelt sucht er seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, doch als er die Unausweichlichkeit des Geschehens erkennt, will er einen letzten großen Traum verwirklichen.
Obwohl die Handlung, die Personen und Firmen frei erfunden sind, wird mancher Leser bei dieser Geschichte ein Déjà-vu-Erlebnis haben.
LESEPROBE
Der Controller aus der Zentrale sah aus wie ein Actionheld. Die Haare trug er verwegen nach hinten gekämmt, auf der Adlernase hockte eine Designersonnenbrille. Seinen piekfeinen Anzug und die hochglanzpolierten Schuhe schien er gerade vor wenigen Minuten gekauft zu haben. Er konnte nicht ruhig stehen, sondern wippte dauernd von den Fersen auf die Zehenspitzen, das Kinn weit vorgereckt. Mein Gott, sie haben uns einen Gockel geschickt, dachte Alex.
»Leiermann«, stellte sich der Gockel vor. »Carlos hat mich gebeten, mal hier in der Provinz vorbeizuschauen. Ihr scheint Geld wie Heu zu verdienen, das macht ja richtig Spaß.« Er lachte jovial und drückte Alex seine Visitenkarte in die Hand. ›Leiermann, Global Finance«, stand dort. Der angebliche Controller entpuppte sich also als neuer Finanzchef des Konzerns.
Alex lächelte. »Ja, die Geschäfte gehen gut. Carlos Tedesco ist ganz zufrieden mit uns.«
Leiermann verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Im Konzern ist man sich aber einig, dass aus Ihrer Firma noch viel mehr herauszuholen ist.«
In diesem Augenblick betrat Wienert den Sitzungsraum und es roch plötzlich nach Whiskey. Doch Wienert hielt sich erstaunlich gut, nur seine glänzenden Augen verrieten, dass Alex’ Flasche vermutlich leer war.
Gleich nach ihm kam Emma Ramos aus der Finanzabteilung, in Begleitung von Fred Winkler. Emma, in diesem Jahr zum ersten Mal für das Budget zuständig, wirkte unsicher, als sie den Entwurf verteilte. Wahrscheinlich steckt er noch voller Fehler und Emma hat keine Ahnung, woher sie kommen, vermutete Alex. Daniel Malenfant, der Marketingdirektor, kam wie immer zu spät. Damit unterstrich er seine vermeintliche Wichtigkeit. Alle saßen schon um den Tisch und hatten sich in die Zahlen vertieft.
Plötzlich rülpste Wienert vernehmlich. Säuerlicher Whiskey-Geruch verbreitete sich über den Konferenztisch. Alex hielt die Luft an und schwor sich im Stillen, Wienert nie wieder an seine Flasche zu lassen.
»Ich bin für größere Zahlen«, brabbelte Wienert. Er hatte Mühe mit der kleinen Schrift, mit der die Blätter bedruckt waren.
»Er hat Recht«, warf Leiermann ein, der Wienerts Bemerkung ganz anders interpretierte, »da liegt noch viel mehr drin.«
»Wie heißt denn der?«, fragte Wienert leise zu Alex gewandt, aber noch laut genug, um von Leiermann gehört zu werden.
»Oh, Entschuldigung, ich habe ganz vergessen, Ihnen Herrn Leiermann vorzustellen. Er ist der neue Finanzchef des Konzerns«, sagte Alex.
»Brauchen wir nicht«, bemerkte Daniel Malenfant spitz und demonstrierte damit seine Abneigung gegen alles, was aus der Zentrale kam. Er griff nach dem Telefon, um im Empfang anzurufen, und blickte in die Runde: »Möchten Sie auch einen Kaffee?«
»Nein, Whiskey«, verlangte Wienert. »Und eine Zigarre, wenn’s noch hat.«
Alex schüttelte den Kopf. Dermaßen ungesittet hatten sich seine Kollegen noch nie verhalten. So sehr er seit dem Morgen auch darauf hoffte, wieder in der Wirklichkeit aufzuwachen, in diesem Augenblick wünschte er sich, diese peinliche Szene bloß zu träumen.
Sie hatten sich schon lange im Zahlensalat verirrt, als Mireille Schäublin endlich den Kaffee brachte. Zu Alex’ Entsetzen stellte sie dazu eine volle Flasche Whiskey und eine Schachtel Havannas auf den Tisch. Alex bemerkte, wie Winkler ihr ungeniert in den Hintern kniff, als sie ihm den Kaffee servierte. Saubande, fluchte Alex innerlich. Leiermann wird uns anschwärzen. Doch in einem Anflug von Fatalismus schnappte er sich auch eine Zigarre.
Wienert wollte ihm Whiskey eingießen, doch Alex wehrte heftig ab und zog das Glas weg, woraufhin sich prompt ein Schwall des Getränks über seine Finanzunterlagen ergoss. Oh Mann, dachte Alex, der Mann ist ja wirklich besoffen.
Daniel Malenfant wandte sich mit einem schrägen Grinsen an Leiermann: »Wie würden Sie denn die Umsatzentwicklung bei unserem neuen Modell V1510 sehen?«
Doch Leiermann sah gar nichts. Vielleicht hing das damit zusammen, dass ihm Wienert den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht blies.
Malenfant genehmigte sich jetzt auch einen Whiskey. »Möchten Sie auch einen?«, fragte er Leiermann.
Zu Alex’ großem Erstaunen nickte der Heldengockel und ließ sich von Malenfant das Glas randvoll gießen. Wahrscheinlich wollte er zeigen, dass er auch in dieser Disziplin mithalten konnte.
»Hopp und ex!«, befahl Wienert und prostete Leiermann zu. Der ließ sich nicht lumpen und leerte das große Glas in einem Zug.
Alex verstand die Welt nicht mehr. Er kniff sich heimlich unter dem Tisch in den Oberschenkel, er spürte aber kaum etwas. Zwischen Hoffnung und Zweifel schwankend, dachte er, dass er wahrscheinlich alles nur träumte. Draußen vor dem Fenster saßen die Vögel immer noch auf der Stromleitung, schön aufgereiht mit gebührendem Hackabstand. Sie schienen Alex zu beobachten und ihm zuzuzwinkern.
Erschienen 2009 im Re Di Roma-Verlag
272 Seiten 15,50 Euro
erhältlich im Buchhandel oder im Internet, z.B. bei www.amazon.de