Traumhafte Science Fiction

 

In einer warmen Sommernacht begegnen sich vier Menschen in einem Stadtpark: Der egozentrische Max, der nach einem Albtraum nicht mehr schlafen kann, die launische Zoe, die meint, ihren Nachtspaziergang zu träumen, der achtzehnjährige Thilo, der nach einem Unfall glaubt, er sei gestorben, und Laura, eine Mittfünfzigerin, die angeblich schon seit sechs Monaten in einer seltsamen Stadt jenseits des Parks lebt, von der die anderen noch nie etwas gehört haben.

Als die Vier den Park verlassen um den verletzten Thilo ins Krankenhaus zu bringen, beginnt eine Reise, die sie nicht nur an ihren Träumen, sondern auch an der Wirklichkeit zweifeln lässt und die sie in eine ferne Zukunft führt.

 

    LESEPROBE

Max träumte oft und viel. Doch meistens waren es keine erfreulichen Bilder, die ihn im Schlaf heimsuchten, sondern Albträume, aus denen er schweißgebadet aufwachte, ohne danach wieder zur Ruhe zu kommen. Sein Chef – Max nannte ihn insgeheim den Betonkopf – spielte darin häufig eine Hauptrolle, ebenso Lucie, seine Exfrau. Wie in der Wirklichkeit, stritt er dauernd mit den Beiden und zog dabei regelmäßig den Kürzeren.

Doch dieses Mal waren weder der Betonkopf noch Lucie dabei. Max träumte von einem Dorf, das er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Niedrige weiße Häuser, Kuben mit flachen Dächern, drängten sich wie eine Gruppe verängstigter Schafe auf einer weiten Ebene ohne jede Vegetation. Es war Nacht und das Licht der Sterne spiegelte sich auf den schwarzen Felsbrocken am Rande der kleinen Siedlung. Die Luft über den Häusern flimmerte und er vermeinte eine durchsichtige Kuppel zu erkennen, die sich über die Ansiedlung spannte. Einige Fenster der bunkerartigen Unterkünfte waren erleuchtet und dahinter waren ab und zu Bewohner zu sehen. Sie trugen alle die gleichen roten Trainingsanzüge wie er sie selbst in seiner Freizeit trug. Max war sich zwar bewusst, dass er träumte, aber eigenartigerweise sagte ihm sein Bewusstsein auch, er wohne in einem dieser Häuser. Kurz vor einer Straßenkreuzung bog er in einen Hauseingang. Die Tür, die mehr einem Schott in einem Unterseeboot glich als einer Haustür, stand halb offen. Er „kannte“ diese Räume, hier war sein Zuhause – zumindest in dieser Traumwelt. Die Möbel waren mit weißen Tüchern abgedeckt und das große Bett unter dem kleinen Fenster lag ebenfalls unter einer weißen Decke. Müde ließ sich Max darauf fallen und schloss die Augen.

In diesem Augenblick spürte er, dass er nicht allein war. Neben ihm war noch jemand, aber wer auch immer es war, verströmte eine eigenartige Kälte. „Ein Fisch!“, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf. Er riss die Augen auf und äugte auf das Wesen, das neben ihm auf dem Bett lag. Zwei dunkle Augen in einem silbrig glänzenden Gesicht musterten ihn. Sie gehörten einem Zwerg mit Fischgesicht. Die seltsame Kreatur trug einen schwarzen Overall und ein schwarzes Käppi, unter dem zwei überdimensionale menschliche Ohren hervorlugten. Die Füße steckten in Gummistiefeln.

Max spürte weder Überraschung noch Angst, im Gegenteil! Der Fischzwerg schien ihm seltsam vertraut. „Was hast du in meiner Wohnung, in meinem Bett zu suchen“, raunzte er den ungebetenen Gast an.

Der Fischzwerg öffnete das Maul und zeigte dabei zwei Reihen messerscharfer Zähne. Max dünkte, er wolle etwas sagen, doch kein Ton drang aus dem aufgerissenen Mund. Stattdessen schimmerte plötzlich ein roter Fleck durch die Schuppenhaut auf seiner Stirn. Als wäre es ein Zeichen, begann der Zwerg mit den kurzen Beinen zu strampeln, rollte sich aus dem Bett und watschelte zur Tür.

„Halt! Du bist mir eine Antwort schuldig“, rief ihm Max nach.

Doch der Fischzwerg zwängte sich durch den Türspalt hinaus in die Nacht. Max rappelte sich hoch und stürmte ihm nach. Doch der eigenartige Besucher war schon weit und in der Dunkelheit kaum mehr auszumachen. „Schade“, murmelte Max zu sich selbst, „ich hätte ihm gerne einige Fragen gestellt.“ In diesem Augenblick schwankte der Boden unter seinen Füßen und er vernahm ein tiefes Grollen, das von überall her zu kommen schien. Ein Erdbeben? Drang etwa die Wirklichkeit in seinen Traum? Auf der anderen Straßenseite schaukelten die Häuser hin und her wie in Zeitlupe. Fenster lösten sich aus ihren Rahmen und segelten auf die Straße, in den weißen Wänden bildeten sich dunkle Risse. Wie gelähmt klammerte sich Max an den Türrahmen, unfähig, sich zu bewegen. „Ich muss hier weg“, dröhnte es in seinem Kopf. Doch wohin? Gegenüber löste sich eine ganze Wand und als sie auf die Straße kippte, konnte er das Innere des Hauses sehen. Der Rettungsstollen! Er musste ihn erreichen. Doch er konnte sich nicht rühren, die Katastrophe vor seinen Augen hielt ihn gefangen. Staub wirbelte aus dem Trümmerfeld, Glasscherben und Papierfetzen stoben davon, als wäre dort oben, am sternenübersäten Himmel, ein Riesenstaubsauger am Werk.

 

Schweißgebadet erwachte Max aus seinem Traum. Vor seinem inneren Auge schwebte immer noch das Bild des Fischzwergs, der seine Nähe gesucht hatte. Doch er erinnerte sich nicht mehr an die Fragen, die er ihm hatte stellen wollen.

Er drehte den Kopf und schaute auf die rote Digitalanzeige seines Weckers. Es war drei Uhr morgens und er wusste aus Erfahrung, dass er nicht wieder einschlafen würde. Seit seinem Fünfzigsten, vor drei Jahren, hatte er immer mehr Mühe – nicht nur mit dem Schlafen. Er strich sich das schüttere Haar aus der Stirn und setzte die randlose Brille auf, dann wälzte er sich aus dem Bett und schlüpfte in seinen roten Trainingsanzug. Das Haus, in dem er wohnte, befand sich gegenüber einem Park mit einem Ententeich. Dort wollte er frische Luft schnappen und über das Gestern und Morgen nachdenken, wie er das immer tat nach einem Albtraum.

Ein lauer Sommerwind spielte mit den Blättern der Platanen und erzeugte ein angenehmes Rauschen, sonst war kein Geräusch zu hören. Das Städtchen lag in tiefem Schlaf. Max überquerte die Straße vor seinem Haus und betrat den Kiesweg, der von Sträuchern gesäumt in das Innere des Parks führte. Es waren nur ein paar Schritte − etwa hundert Meter − bis zu dem kleinen Ententeich und eine einzelne Laterne wies ihm den Weg. Sie stand am Ufer und er setzte sich dort auf die Bank. Das Wasser glitzerte im Doppellicht der einsamen Laterne und des aufgehenden Mondes.

Max dachte an seinen Traum mit dem Fischzwerg. Es war nicht das erste Mal, dass ihn ein Traum heimsuchte, der nicht aus dieser Welt zu stammen schien. Immer wieder geriet er im Schlaf in fremde Welten und begegnete Menschen, die er in Wirklichkeit noch nie getroffen hatte. Im Gegensatz zu den meisten Träumern war er sich dabei des Träumens bewusst und glaubte auch, nach seinem Willen handeln und sich in gewissen Grenzen frei in seiner Traumwelt bewegen zu können. Früher hatte er über den Sinn und die versteckten Botschaften dieser Träume nachgedacht, Bücher über Traumdeutung gelesen, einmal sogar einen Kurs besucht, doch in der Zwischenzeit hatte er aufgehört, seine nächtlichen Erlebnisse zu interpretieren und nach einer Verbindung zu seinem Leben zu suchen. Diese Träume aus einer anderen Welt waren zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden. Würden sie eines Tages ausbleiben, würde er sie vermissen.

 

Plötzlich hörte Max hinter sich den Kies knirschen. Erschrocken drehte er sich um. Zwischen den Bäumen, keine drei Meter entfernt, stand eine Gestalt.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte die Frau und trat näher.


 

Erschienen 2009 im Re Di Roma-Verlag

258 Seiten 17,50 Euro

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