Auf der Suche nach der Wirklichkeit
Dies ist die Geschichte von Esmeralda und Aaruon,
die sich zuerst nur in ihren Träumen begegnen.
Doch Esmeralda und Aaruon möchten sich auch in der Wirklichkeit kennen lernen. Aus diesem Grunde durchstreifen sie auf ihrer Suche das Labyrinth der Traumwelten. Dabei gelangen sie nicht nur bis an den Rand der Zeit, sondern auch an die Grenze ihrer eigenen Identität.
Traumspuren führen sie schließlich zusammen, nachdem sie viele unglaubliche Abenteuer überstehen mussten.
Doch als sie sich in der Wirklichkeit begegnen, ist alles anders.
Traum-Nomaden
ist die Geschichte einer fantastischen Reise und einer außergewöhnlichen Liebe zwischen Traum und Realität. Esmeralda und Aaruon leben zwar nicht in unserer Welt, doch es könnte unsere Zukunft sein.
LESEPROBE
Es würde bald Zeit, umzukehren. Spätestens bei Einbruch der Dunkelheit musste sie den Wald verlassen haben, sonst würde sie den Rückweg nicht mehr finden. Die Nacht im Wald zu verbringen war zwar ungefährlich, jedoch kein besonderes Vergnügen. Esmeralda dreht sich noch einmal mit geschlossenen Augen im Kreis und tastete mit ihrem Spürsinn weit in den Wald hinein. Und tatsächlich, nicht weit entfernt, spürte sie eine mächtige helle Aura. Das konnte nur ein unwahrscheinlich großes Exemplar sein! Noch nie hatte sie ein derart starkes Leuchten mit ihrem inneren Auge wahrgenommen. Der Himmelstropfen musste ganz in ihrer Nähe sein und er schien sogar auf ihrem Weg zu liegen. Welch ein Glück! Ungläubig riss sie die Augen auf und schaute dem Bachlauf entlang.
„Willkommen in meinem Zirkus, kleine Frau!“, grinste der Holzfisch, der vor Esmeralda im Bach lag und ihr zublinzelte.
Esmeralda schüttelte verwirrt den Kopf. War dies nun ein Traum oder die Realität? Was geschah hier in diesem einsamen Wald?
„Du kannst nicht wirklich sein, hölzerner Fisch! Ich bin dir in meinen Träumen begegnet, doch niemals in der Wirklichkeit!“
Der Fisch grinste mit seinen dicken Lippen und entgegnete: „Erinnerst du dich noch an die Melodie, die ich für dich gespielt habe? Damit habe ich zwischen uns eine Verbindung geschaffen.“
Er zauberte aus seinen Flossen die Mundharmonika hervor und begann wieder zu spielen. Die Töne blubberten in farbigen Blasen aus dem Instrument, bevor sie auf Esmeralda zuschwebten. Als sie näher kamen, sah sie darin eingeschlossen kleine Miniaturwelten: ein spiralförmiger Turm, bunte Luftschiffe zwischen den Felsen eines mächtigen Tals und ein kleiner Pavillon in einem hübschen Park. Esmeralda wurde von einer tiefen Sehnsucht ergriffen. Obwohl sie diese Landschaft nie in ihrem Leben gesehen hatte, wusste sie sofort, um welches Tal es sich handelte. Ihr Kopf schwirrte, und sie atmete flach und schnell, während Schweißtropfen ihr auf die Stirne traten.
Jetzt und hier, so spürte sie, wartete das Schicksal nur darauf, ob sie sich für den einen oder den anderen Weg entschied. In diesem Urwald, an dem kleinen Bachlauf würde sie über ihr weiteres Leben entscheiden müssen. Es gab keine andere Möglichkeit. Einfach zu warten und nichts zu tun war nicht möglich.
Da drang wieder die Stimme des Holzfisches an ihr Ohr, der in der Zwischenzeit die Mundharmonika irgendwo hatte verschwinden lassen: „Esmeralda, was möchtest du, was ist dein größter Wunsch, deine größte Sehnsucht?“
Esmeralda schien es, als würde sie in diesem Moment neben sich stehen und dieser unwirklichen Szene bloß als Beobachterin beiwohnen.
„Ich möchte Meena finden, das Traumland von Sid, meinem Vater.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und ich möchte nicht mehr alleine durch dieses Leben gehen müssen.“
Der Holzfisch neigte sich auf die Seite und trieb ein Stück weit auf sie zu: „Dann lass uns aufbrechen! Es wird ein beschwerlicher Weg sein und nicht ohne Gefahren. Und du sollst wissen, dass es keine Wiederkehr geben wird.“
Esmeralda sah sich selbst im Wald stehen, sah den Holzfisch, wie er im Bach lag und sie anblinzelte, sah, wie die Wichte hinter dem Fisch standen, schön in einer Reihe, ihre Hüte in den Händen, und sie hörte sich sagen: „Ja, ich will mit dir gehen. Auch dann, wenn ich nie mehr in dieses Land zurückkehren kann.“
Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, war es, als würde der Wald nicht mehr zur Wirklichkeit gehören. Die Wichte setzten ihre braunen Schlapphüte auf und wuselten wie von Wespen verfolgt umher. Esmeralda fand sich in ihrem Körper wieder und beobachtete erstaunt, wie die kleinen Männlein Stück für Stück des Waldes abmontierten und wegtrugen, als wäre er eine Kulisse in einem Theaterstück. Die Sträucher und Bäume verschwanden ebenso schnell wie der Bach, und schon bald war nichts mehr da als ein grauer Boden, der sich scheinbar in der Unendlichkeit verlor. Auch das Blätterdach über der fantastischen Szene hatte einem grauen Himmel Platz gemacht.
Das kann nicht sein, dachte Esmeralda, das ist total verrückt. Ihre Welt, die sie gekannt hatte, die ihr Zuhause war, verschwand, als hätte es sie nie gegeben. Wahrscheinlich träume ich, dachte sie. Ich liege noch daheim im Bett und bin nie aufgestanden, um hinter dem Hügel nach Himmelstropfen zu suchen. Wach auf, sagte sie zu sich selbst, während sie sich mit der rechten Hand in den linken Arm kniff.
Der Holzfisch schwebte inzwischen gemütlich schaukelnd und mit geschlossenen Augen vor ihr in der Luft.
„Was geht hier vor, Fisch?“, rief Esmeralda ihm zu. „Was machst du mit der Welt?“
Der Fisch schlug ein Auge auf, grinste wieder mit seinen dicken Lippen und sprach: „Wir wechseln nur die Szene, das ist ein normaler Vorgang. Es besteht absolut kein Grund zur Beunruhigung.“
Erschienen im Juni 2006 bei BOD
278 Seiten, broschiert
Erhältlich über den Buchhandel oder
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ISBN 3-8334-4576-9