zwischen den träumen
Veana ist eine Grenzgängerin und dies ist ihre Geschichte:
Veana kann nicht nur kaum zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, sie ist auch eine Borderlinerin:
Ihre Gefühle fahren mit ihr Achterbahn.
Auf einem Abendspaziergang begegnet sie einer sprechenden Katze, die sie durch das Labyrinth ihrer vergessenen Träume führt. Sie begegnet darin ihren Hoffnungen und Ängsten und durchlebt nochmals die Schlüsselereignisse ihres Lebens.
Und sie begegnet noch einmal den Menschen, mit denen sie verbunden war – auch ihrer großen Liebe Tizian.
LESEPROBE
Sie saß nun seit über einer Stunde vor dem Kamin und hatte ihr Glas schon lange leer getrunken. In Gedanken versunken schaute sie den Flammen des Feuers zu und murmelte ab und zu einige Sätze zu sich selber.
„Du bist immer noch hier?“ Ihre Tochter Esmeralda legte sanft die Hand auf ihren Arm.
„Ja, ich kann mich nicht von meinen Gedanken lösen. Es ist, als ob sie sich im Kreis drehen würden. Es scheint keinen Anfang und kein Ende zu geben.“
Esmeralda lächelte. Wie oft hatte sie schon ihre Mutter so erlebt! Halb in der Wirklichkeit, halb in einem Traum, als stehe sie irgendwo zwischen zwei Welten und könne sich nicht entschließen, in welche sie sich begeben wolle.
„Du träumst wieder einmal, Mama“, sagte sie und streichelte sanft den Arm ihrer Mutter.
„Oh Esmeralda, ich liebe Träume, ob Tag oder Nacht. Und ich glaube sie sind lebenswichtig. Wer nicht mehr träumt muss tot sein, oder mindestens scheintot. Und überhaupt: wo ist denn diese unsichtbare, feine Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit? Träume oder bin ich? Ich träume, also bin ich. Ich bewundere die Menschen die so fest in ihrer scheinbaren Wirklichkeit stehen, die so unbeirrt durch die irdische Welt gehen, die so klar zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden wissen. Denn ich wandle auf der Grenze zwischen dem Hier und Drüben. Ich bin eben eine Grenzgängerin, Esmeralda! Und zwischen Traum und grobem Stoff vermag ich oft nicht zu unterscheiden. So verpasse ich denn so manches was vielen wichtig erscheint, schaue durch Menschen hindurch auf ferne Welten und unterhalte mich mit meinen Traumgestalten. Verrückt? Ein schwieriges Leben? Nein, denn ich kann meine Träume selber machen und das ist wunderbar!“
Esmeralda kannte diese Sätze, es waren immer wieder dieselben. „Ach Mutter, du bist einmalig und einzigartig und ich liebe dich so wie du bist!“
„Ich danke dir dafür, Esmeralda. Doch auch der Einmaligkeit sind Grenzen gesetzt, die sie nicht überschreiten kann.“
Esmeralda schwieg. Seit ihr Vater diese Welt verlassen hatte, war ihre Mutter oft in diesem Zustand. Es war, als suche sie nach etwas, das sie hier auf der Erde nicht finden konnte. Ob sie nach ihm suchte? Ob sie in ihren Träumen jenseitige Welten durchstreifte in der Hoffnung eine Spur, ein Zeichen zu finden?
Ihre Mutter hatte damals einen alten Mann geheiratet. Esmeralda hatte das als Kind nie realisiert. Später jedoch hatte sie den Graben der Zeit erkannt, den die beiden trennte, obschon ihre Eltern ihren grossen Altersunterschied immer wieder zu übertünchen versuchten.
Als sie zwölf Jahre alt war, starb Sid, ihr Vater. Eines Morgens fanden sie ihn im Garten, mit offenem Mund und leerem Blick, aber mit einem seltsamen Lächeln in den Mundwinkeln. Wäre Veana damals doch mit Tizian gezogen! Aber dann gäbe es sie nicht, dachte Esmeralda – auf jeden Fall nicht so, wie sie heute war.
„Du denkst an deinen Vater, nicht wahr?“ Sie schaute ihr in die Augen und Esmeralda hatte den Eindruck darin ertrinken zu müssen. Diese Augen! Sie schienen durch die Welt hindurch zusehen und man fühlte sich nackt und durchsichtig, wenn sie einem so anschaute.
„Weißt du“, fuhr Veana fort. „Ich habe alle drei Träume geträumt, er hat sie mir geschenkt – alle drei“ Ihre Augen wurden feucht und eine Träne benetzte ihr Wange.
Erschienen 2005 bei BOD
264 Seiten, broschiert
Erhältlich über den Buchhandel oder
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ISBN 3-8334-3468-6